«Du warst wie eine Schwester für mich. Wir werden euch nie vergessen.»

«Ich wünsche dir das es dir gut geht.

Ich wünsche Dir dass was passiert ist nicht so wäre.

Du bleibst immer ein Teil unserer Klasse.

Fast die ganze Klasse hat geweint.

Wir vermissen dich alle.»

Diese Worte der Trauer stehen über einem bunt gemalten Regenbogen, der im Schneetreiben weht am Gartenzaun des Anwesens der Familie R.

Dort, in der Birkenallee in Senzig, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen bei Berlin, liegen im Schnee Kerzen, Blumen, Briefe, Kuscheltiere, Lufballons und von Kindern gemalte Abschiedsbilder.

Der Ort dient den Trauernden allen Alters als Gedenkort für die drei Kinder Leni (10), Janni (8), Rubi (4), die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag in den Betten ihrer Kinderzimmer erschossen wurden, und deren Eltern Devid (40) und Linda (40), die durch Schussverletzungen im Wohnzimmer starben.

Geschrieben und gemalt hat das Bild, auf dem gerade die Schneeflocken tanzen, Fritz für seine Mitschülerin Leni, die er sehr vermissen muss.

Die Anfangsbuchstaben der 10-jährigen Leni, die in ihrem Kinderzimmer erschossen wurde, stehen in der Erinnerung von Fritz für:

«Lieb

  Ehrlich

  Nett

  Immer glücklich»

Und Lia schreibt über ihre Freundin Leni:

«Du warst eine sehr nette Freundin

und ich wünsche mir die Zeit zurück

und ich hoffe das es dir da wo du jetzt bist es dir und deiner Familie besser geht.

Wir trauern um dich.»

Ana erinnert Leni in einem Brief an gemeinsame Momente in der Turnhalle: «Du warst wie eine Schwester für mich. Wir werden euch nie vergessen.» Daneben hängt ein selbst gemaltes Bild, das Engel zeigt, die auf Wolken über den erschossenen Familienmitgliedern schweben. «Wir denken an euch, wir haben euch immer im Herzen».

Eine Mutter steht mit ihren zwei Kindern vor den Kerzen und Kuscheltieren und kann nicht fassen, was passiert ist. Sie weint so sehr, daß die Tränen aus ihren Augen auf die dicke Winterjacke tropfen.

Die kleine Tochter fragt die Mutter: «Warum brennen hier Kerzen?»

Die Mutter antwortet: «Weil hier was ganz Schreckliches passiert ist.»

Die Tochter will wissen: «Was denn?»

Der Mutter stockt der Atem, sie schluckt. Und entgegnet nach einer kurzen Pause: «Ein ganz schlimmer Unfall.»

Die Postbotin Frau Kaiser hält mit ihrem gelben Postauto vor dem Gedenkort. Frau Kaiser zündet eine weiße Kerze an, die sie mitgebracht hat. Über die Familie sagt sie, diese habe sie als «lebensfroh, präsent» in Erinnerung. Der Vater Devid sei stets höflich und freundlich gewesen, wenn er ihre Pakete im Empfang genommen habe.

Der Nachbar im Haus auf der anderen Straßenseite, das direkt gegenüber dem Anwesen der Familie R. liegt, sagt, er sei während der Tatzeit zu Hause gewesen, habe aber nichts gehört. Der Nachbar sagt: «Als die Polizei kam, dachte ich, die machen eine Übung hier.» Den Familienvater Devid beschreibt der Nachbar als freundlich, er habe immer gegrüßt.

Im Garten der Familie R. wächst eine Palme, deren Blätter mit Schnee bedeckt sind. Auf dem Trampolin neben der Palme hüpften die Kinder. Ein Nachbar, dessen Grundstück neben dem Garten der Familie R. liegt, sagt, er sei tief bestürzt von dem Tod der Familie. Er beschreibt Devid als «lebensfroh. Er war für seine Kinder da ohne Ende. Er war ein fürsorglicher Familienvater. Die Kinder spielten im Garten, wenn sie von der Kita und Schule kamen. Es war eine Tolle Familie.»

Ein 40-jähriger Bekannter von Devid, der der mit seinem Hund vor dem Gedenkort verweilt, sagt dasselbe über den Familienvater, den die Ermittler verdächtigen, seine gesamte Familie ermordet zu haben: «Die Kinder waren sein ein und alles.»

Senzig ist von stillen Wäldern umgeben. Devids Bekannter sagt, er kenne ihn seit 15 Jahren und könne sich nicht vorstellen, daß Devid erst seine drei Töchter, dann seine Ehefrau und daraufhin sich erschossen habe. «Wenn er sich hätte umbringen wollen, dafür hätte er in den Wald gehen können alleine», sagt der Bekannte.

Nachdem Devid sein Grundstück in Zeuthen verkauft habe, erzählt der Bekannte, hätten er und Devid zeitgleich zusammen ihre Häuser in Senzig gebaut. Das war erst 2018. Vor nicht einmal drei Jahren. Devid habe sogar vor kurzem Maschinen gekauft in Russland zum Brunnen bohren, um sich autark mit Trinkwasser zu versorgen. Tatsächlich befindet sich im Garten eine Grube.

Auch habe Devid kürzlich Sachen bestellt, um Mutterboden selber zu machen. «Wer solche Planungen für die Zukunft hat, der macht doch nicht so was», kann der Bekannte es noch immer nicht fassen. «Der war nicht labil», sagt der Bekannte über Devid. «Ich glaube nicht, daß es so passiert ist, wie es berichtet wird.»

Devid sei geschäftlich erfolgreich gewesen, berichtet der Bekannte, der bereits vor 15 Jahren als Geschäftspartner von Devid R. Dienstleistungen für dessen GbR durchgeführt habe. Die Veranstaltungen, die Devids Firma organisiert habe, seien stets «top» gewesen, mit der Bezahlung der Dienstleister habe es «keine Probleme» gegeben. «Devid hat Geld gehabt um die Geldstrafe zu bezahlen, die ihm wegen der Impfzertifikatsfälschung gedroht hätte.»

Ob es einen Punkt gab in Devids Leben, an dem er sich verändert habe, will ich wissen?

«Na ja, die Spaltung ist schon spürbar geworden seit Corona», sagt Devids Bekannter. «Devids Frau Linda, sie war gegen die Impfung, das habe ich auf ihrer Facebook-Seite gelesen.»

Am Freitag um 0:34 Uhr sei Devid zuletzt online gewesen. «Das war die Tatzeit», ist sich sein Bekannter gewiß.

Auch heute, während der Schnee fiel, war die Mordkommission erneut stundenlang im Haus der Familie R. um Spuren zu sichern. Ist das der Grund, weshalb die beiden Polizeisiegel an der Eingangstür durchgeschnitten sind?

In der evangelischen Kirche in Senzig hält Pfarrer Boris Witt eine Andacht für Familie R. «Wir wollten einen Raum schaffen für Anteilnahme, da es viele erschüttert, was passiert ist», sagt Witt zu Beginn. «Es geht uns um Gemeinschaft, Solidarität, wenn uns das gelingt, das wäre schön.» Auch Michaela Wiezorek, die Bürgermeisterin von Königs Wusterhausen, weilt unter den Trauernden.

Nach der Gedenkfeier in der Kirche ist Witt erschöpft: «Es war ein voller Tag.» Der Pfarrer des Ortes ist nicht der einzige, dem das Geschehene alles abverlangt.

Auch Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon, stellvertretender Behördenleiter und Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Cottbus, ist gefordert: «Seit Samstag mache ich nichts anderes mehr, als Fragen zu den Tötungsdelikten in Senzig zu beantworten. Ich bin total erschöpft.»

Mitarbeiter von Hort und Kita, die die Kinder der Familie besucht hatten, sowie die Eltern der dort betreuten Kinder werden nach Angaben der Stadt von Psychologinnen und einer Notfall-Therapeutin begleitet. «Im Mittelpunkt steht dabei der geschulte Umgang mit traumatischen Erfahrungen und Trauer», sagt die Stadt.

Wie sehr Senzig erschüttert ist, davon zeugt das Schild, das der Ortsvorstand Senzig, die Grundschule am Krimnicksee und das Kinderhaus «Sonnenschein» am Ortseingang angebracht haben:

«Wir sind tief betroffen und traurig. Eine ganze Familie aus unserem Ort ist nicht mehr am Leben. Das Geschehen können wir nicht begreifen. Wir suchen nach Antworten und stehen beinander in der Trauer um unsere Nachbarn, Freunde und Schulkameradinnen. Wir fühlen uns verbunden mit den Verwandten und Freunden der Familie. Wir wünschen uns, dass alle respektvoll und empathisch mit diesem tragischen Ereignis umgehen. Wir erwarten dies auch von den Medien und den Nutzern der sozialen Medien.»

Auch bis in den Nachbarort Wildau reicht der Schock. Auf dem Campus der Technischen Hochschule (TH), in der Devids Ehefrau Linda arbeitete, übertragen Bildschirmen eine Traueranzeige: «Wir trauern. Mit großer Bestürzung haben wir vom Tod unserer Mitarbeiterin Linda erfahren. Wir verlieren eine langjährige, sehr geschätzte Kollegin. Ihre lebensfrohe Art wird stets in unserer Erinnerung bleiben.»

In dem Flur, der zu Lindas Büro führt, ist Klaviermusik zu hören. An der Wand der TH hängen Fächer, in denen Postkarten gestapelt sind, die alle mit derselben Aufforderung bedruckt sind: «QUERDENKER GESUCHT!»

Für diesen Bericht verwendete Quellen:

– Augenschein am Gedenkort in Senzig

– Persönliche Gespräche mit Nachbarn und Bekannten der Familie R. in Senzig

– Besuch der Technischen Hochschule (TH) in Wildau

– Persönliche Gespräche mit Angehörigen der Technischen Hochschule (TH) in Wildau

– Telefonat mit Pfarrer Boris Witt

– Telefonat mit einem Polizeibeamten der Polizeiinspektion Dahme-Spreewald

– Telefonat mit einer Polizeibeamtin der Mordkommission in Cottbus

– Telefonate mit Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon, stellvertretender Behördenleiter und Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Cottbus

– Telefonat mit Stephan Breiding, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

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